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Dr.Bahn

unregistriert

1

Sonntag, 1. April 2007, 18:39

Krankheitsbezeichnungen vor rund 100 Jahren

Für den Ort Niederheimbach ( heute Landkreis Mainz-Bingen, früher Kreis St. Goar in der preußischen Rheinprovinz) habe ich eine entsprechende Akte des Landeshauptarchivs Koblenz einmal ausgewertet und interpretiert - viele Hinweise auf frühere Bezeichnungen und Einschätzungen von Krankheiten sind darin enthalten. Hier eine Zusammenfassung (2006 erschienen in der Zeitschrift "Heimat am Mittelrhein"):

TODESFÄLLE UND TODESURSACHEN IM AMT NIEDERHEIMBACH IM JAHRE 1911

Nachdem französische Revolutionstruppen Ende des 18. Jahrhunderts das linke Rheinufer besetzt hatten, führten sie dort eine neue Verwaltungsgliederung mit „Departements“, „Arrondissements“ und „Mairien“ (= Bürgermeistereien) ein. In unserem Raum entstand dabei unter anderem die Mairie Niederheimbach, zu der die ehemals kurmainzischen Orte Niederheimbach, Oberheimbach und Trechtingshausen gehörten. Als das Rheinland dann 1815 im Ergebnis des Wiener Kongresses an Preußen fiel, wurde manches von der französischen Verwaltungsgliederung beibehalten. So wurden aus den Mairien nun preußische „Ämter“ bzw. „Bürgermeistereien“. Auch die Bürgermeisterei Niederheim blieb, in ihrem Zuschnitt unverändert, bis 1938 bestehen. Danach wurde sie mit der bisherigen Bürgermeisterei Bacharach-Land und der Stadt Bacharach zum neuen „Amt Bacharach“ zusammengelegt.

Die preußische Provinzialregierung in Koblenz war sehr daran interessiert, laufend über die Situation in den einzelnen Bürgermeistereien unterrichtet zu sein. Um dies zu gewährleisten hatten die einzelnen Bürgermeister immer wieder entsprechende Berichte abzuliefern. Diese Berichte sind in großer Zahl bis heute im Koblenzer Landeshauptarchiv erhalten und geben vielfältigen Aufschluss über die landwirtschaftliche und gewerbliche Situation in den einzelnen Orten, über die Infrastruktur, über die Kirchen- und Schulangelegenheiten und über besondere Ereignisse. Daher stellen sie eine wichtige Quelle zur ortsgeschichtlichen Forschung über das 19. und frühe 20. Jahrhundert dar.

Für die Bürgermeisterei Niederheimbach ist ein Bericht erhalten, in dem die Todesfälle und Todesursachen in den drei Bürgermeisterei-Orten zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 1911 aufgeführt werden. Er stellt hinsichtlich der Gesundheitssituation und der medizinischen Möglichkeiten eine interessante Momentaufnahme für die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg dar. Nach diesem Bericht verstarben im Verlauf des Jahres 1911 in Niederheimbach, Oberheimbach und Trechtingshausen insgesamt 46 Personen, und zwar an den folgenden Todesursachen:

- Altersschwäche = 4 Personen
- Rippenfellentzündung = 1 Person
- Krämpfe = 3 Personen
- Darmkatarrh = 1 Person
- Lungentuberkulose = 8 Personen
- Schlaganfall = 1 Person
- Herzlähmung = 2 Personen
- Brechdurchfall = 4 Personen
- Herzmuskelerkrankung = 1 Person
- Zuckerharnruhr = 1 Person
- Leberkrebs = 1 Person
- Herzschwäche = 1 Person
- Gehirnhautentzündung = 1 Person
- Nierenentzündung = 2 Personen
- Bauchfellentzündung = 1 Person
- Knochentuberkulose = 1 Person
- Ertrinken = 4 Personen
- Nierenschrumpfung = 1 Person
- Gehirnschlag = 1 Person
- Gehirnentzündung = 1 Person
- Herzasthma = 1 Person
- Leberschwäche = 2 Personen
- Lungenentzündung = 1 Person
- Sonstige Todesursachen bzw. unbekannt = 2 Personen
(Reihenfolge der Nennungen wie im Original-Bericht).

Das Jahr 1911 war im Bereich der Bürgermeisterei Niederheimbach ein „ganz normales“ Jahr: die Bevölkerung war von größeren Epidemien (Pocken, Diphterie, Typhus, usw.) ebenso verschont geblieben, wie von schweren Unglücksfällen (Brände, Naturkatastrophen) und Kriegsereignissen. Insofern kann die hier wiedergegebene Liste der Todesursachen durchaus als typisch für jene Jahre zwischen der vorletzten Jahrhundertwende und dem Kriegsausbruch von 1914 angesehen werden.

In medizingeschichtlicher Sicht sind jedoch einige Fakten besonders festzuhalten. So fällt z.B. auf, dass in dem Bericht die Todesursache „Krebs“ offiziell lediglich ein einziges Mal genannt wird. Dies lässt sich mit Sicherheit nicht allein damit erklären, dass die Krebshäufigkeit vor knapp 100 Jahren ganz allgemein niedriger war, als heute. Ausschlaggebend für die statistische Erfassung nur eines Krebstoten dürfte vielmehr der Umstand gewesen sein, dass die medizinischen Diagnosemöglichkeiten zu jener Zeit noch wesentlich geringer entwickelt waren und so mancher Krebstod nicht als solcher erkannt wurde. So ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass auch so mancher Todesfall durch „Altersschwäche“, „Krämpfe“ oder „Leberschwäche“ ebenfalls auf bösartige, aber nach den damaligen Diagnosemöglichkeiten nicht erkannte Tumorbildungen zurückzuführen war.

Auffällig ist auch die relativ hohe Zahl von 7 Personen, die an verschiedenen Entzündungskrankheiten verstarben. Einige Jahrzehnte später wären die meisten dieser Erkrankten durch den Einsatz von Antibiotika sicherlich zu retten gewesen. Doch 1911 waren weder Penicillin noch vergleichbare Medikamente bekannt und verfügbar.

Viermal wurde schließlich „Ertrinken“ als Todesursache angegeben. Hier machte sich nicht nur die Lage der Bürgermeisterei am Rhein bemerkbar, sondern auch die starke Verflechtung der wirtschaftlichen Existenzbedingungen mit der Nutzung oder Querung des Stroms. Vor allem Niederheimbach selbst war ein kleines „Schifffahrts-Zentrum“ am Mittelrhein, viele Niederheimbacher waren Schiffseigner, Schifffahrtsgehilfen oder Lotsen im Binger Loch, also berufsbedingt fast täglich auf dem Fluss im Einsatz. Trechtingshausen hatte einen großen Teil seiner Weinberge auf der rechten Rheinseite, was immer wieder ein Überqueren des Flusses mit Kähnen notwendig machte. Während außer dem „Ertrinken“ unter den Todesursachen des Jahres 1911 keinerlei weiteren Unfälle genannt werden, muß man das „Ertrinken“ selbst vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Betätigung vieler Menschen aus dem Bereich der drei Amtsorte fast schon in die Rubrik der „Berufsunfälle“ einordnen.


Quelle:
Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 655/29, Akte Nr. 469

GrafvonMonfort

unregistriert

2

Dienstag, 24. Juni 2008, 18:56

RE: Krankheitsbezeichnungen vor rund 100 Jahren

Sehr geehrter Dr.Bahn,

ihren Beitrag finde ich sehr interessant.
Danke für Ihre Mühe, diese Informationen zu suchen und zusammen zustellen.

Gruß

Graf von Montfort

3

Montag, 31. Januar 2011, 00:45

Krankheiten

Habe aus Erzählungen erfahren, daß 2 Geschwister meines Vaters kurz nach der Geburt an Geschwulst gestorben seien. Sie hätten lt. Vater der Cousine eine "große Geschwulst" am Hals gehabt. Ist das eine genetische Sache oder auf die Zeit zurückzuführen. Da es Junge und Mädchen waren, also nicht geschlechtsbedingt. In unserer weiteren Linie bisher keine Krankheiten. Unsere Kinder sind bisher kinderlos. Sollte es also eine Generation überspringen (gibt es ja) würde es sich also dann zeigen.
Evtl. hat ja der Eine oder Andere davon gehört, gelesen oder ähnlich.

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