Wer war Simon Grynaeus?

Autor: Ludwig Griener



In der Fremde verehrt - in der Heimat vergessen


Nur wenige Leser werden zunächst mit dem Namen Simon Grynaeus etwas verbinden können. Nehmen wir aber ein Lexikon zur Hand, so werden wir überrascht sein, hier etwa folgenden Hinweis über diesen Mann zu finden: "Deutscher Reformator, Humanist, 1493-1541, Professor für Griechisch und Latein in Heidelberg, später für Theologie in Basel."

Diese Zeilen sagen nicht allzuviel. Erfahren wir aber noch, daß Simon Grynaeus in Veringendorf geboren wurde und auch zu den wichtigsten Reformatoren Württembergs zählte, werden wir aufhorchen. Ja in der Tat war dieser Simon Grynaeus einer der größten und bedeutendsten Männer, die je aus der kleinen schwäbischen Gemeinde hervorgegangen sind.

Der zweite Teil des vorliegenden Buches nun ist dem Leben und Wirken dieses Mannes gewidmet, dem fern seiner Heimat so viel Ehre und Wertschätzung zuteil geworden ist.

Hier soll versucht werden, den Nebel der Entfremdung und der Vergessenheit, der uns in seinem Geburtsort schon seit ungezählten Generationen von ihm trennt, zu durchdringen und das Dunkel um seine Person mit Licht zu erfüllen.

Diese Beschreibung soll nicht in Wettstreit treten mit den Ausarbeitungen und Erkenntnissen derer, die ihr Interesse und ihre Nachforschungen über die Gelehrtenfamilie Grynaeus schon seit Jahren in den Dienst der Heimatgeschichte gestellt haben. Sie erhebt auch keinesfalls den Anspruch, eine vollständige oder allumfassende Biographie zu sein, sondern sie will lediglich einen Überblick geben über das zwar kurze, aber dennoch bewegte und erfüllte Leben des SIMON GRYNAEUS.


Die ersten Stationen seines Lebens

Simon Griner, wie sein ursprünglicher Name lautete, erblickte im Jahr 1493 in Veringendorf, das damals zur Grafschaft Zollern gehörte, als Sohn "gar geringer Eltern" das Licht der Welt. Ihm wurden daher in früher Kindheit schon Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit abverlangt, beides Eigenschaften, die sein ganzes Leben geprägt haben und derer er sich niemals geschämt hat.

Die geistigen Fähigkeiten des jungen Simon müssen wohl frühzeitig erkannt worden sein, denn bereits mit 14 Jahren schickte ihn sein Vater von Veringendorf weg nach Pforzheim auf die Stadtschule. Einer seiner Mitschüler war dort der später so berühmte Philipp Melanchthon, mit dem ihn zeitlebens eine enge Freundschaft verband.

Im Jahr 1512 trug sich der Veringer Simon Griner, der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache kundig, in die Matrikel der Universtität Wien ein, die unter Kaiser Maimilian I. wieder an Bedeutung gewonnen hatte und auf die Studenten der damaligen Zeit eine große Anziehungskraft ausübte. Hier erwarb er sich bereits den akademischen Grad eines Magisters der freien Künste, nachdem er wegen seiner hervorragenden Sprachkenntnisse Aufsehen erregt haben soll. Gleichzeitig dehnte er seine Studien fast über den gesamten Bereich des damaligen Wissens aus. Er studierte Mathematik und Philosophie, Naturwissenschaften und Medizin.

Von Österreich zog es ihn nach Ungarn in die Hauptstadt Ofen, das jetzige Budapest, wo ihm das Rektorat einer Schule angeboten wurde. Griners offenes Bekenntnis zum Humansimus und zu den Verfechtern der neuen reformatorischen Bewegung verwickelte ihn in Buddapest jedoch alsbald mit dem Dominikanerorden in theologische Streitigkeiten, die ihn sogar, als der Ketzerei verdächtig, in den Kerker brachten. Hier kam ihm aber seine Bekanntschaft mit einigen Adeligen zugute, deren Einfluß ihn aus der Gefangenschaft wieder befreite.

Von Ungarn aus, wo er nicht länger verweilen konnte, wandte er sich jetzt nach Wittenberg, um nicht nur seinem alten Schulfreund Philipp Melanchthon wieder zu begegnen, sondern auch mit Martin Luther zusammenzutreffen. Es ist durchaus anzunehmen, daß ihn dieser Aufenthalt in Wittenberg in seiner Gesinnung bekräftgt und sogar der Reformation nähergebracht hat. In den folgenden Jahren mag er sich wohl wieder zu seinen Verwandten nach Veringendorf zurückgezogen haben, denn in der Literatur finden wir über diese Zeit keine weiteren Anhaltspunkte.


Aus Simon Griner wird Simon Grynaeus

Nach damaligem Gelehrtenbrauch hatte Simon Griner seinen Namen latinisiert und sich schon zu Beginn seines umfangreichen Wirkens Grynaeus genannt. Nicht wahllos, wie es scheint, sondern als Humanist und Sprachgelehrter mit treffender Beziehung auf eine Stelle in der "Aeneis" des römischen Dichters Vergil, in der Aenaeas als Gründer des römischen Reiches verherrlicht wird. So heißt es nämlich im vierten Gesang: "Doch in das große Italien heißt Gryneus Apollo mich steuern". Gryneus deutet als Beiwort des Orakelgottes und Gottes der Wisssenschaft Apollo auf die einstige in Kleinasien gelegene Hafenstadt Grynium hin, in der diesem Gott ein Heiligtum geweiht war. Die Weissagung des Gryneischen Orakels hatte den Helden der Antike aus dem brennnenden Troja nach Italien geführt.

So lautet dann auch die Inschrift auf einem Bildnis des Grynaeus auf deutsch: "Der Gryneische Apollo hat diesem nicht nur den Namen gegeben; auch seine tiefere Bedeutung ist ihm durch glückliche Fügung zuteil geworden".

Simon Grynaeus begegnen wir nun wieder im Jahre 1524 als Professor der griechischen Sprache an der Universität in Heidelberg. Hier hatte er endlich Gelegenheit, sein humanistisches Wissen anderen mitzuteilen und sich auch weiter eigenen Studien, vor allem der Medizin, zu widmen.

Dennoch gestaltete sich der Aufenthalt in Heidelberg für den Gelehrten nicht sehr erfreulich. Schon seiner Berufung stimmten die Fakultäten nur widerwillig zu; die Reformation in Wittenberg betrachtete man mit Argwohn, und zu Grynaeus fehlte weger seiner Verbindung zu namhaften Reformatoren das Vertrauen. Er selbst hatte hier nur einen Freund, seinen Kollegen Martin Fecht, der ihn bald mit Ökolampad, einem der wichtigsten Reformatoren, bekannt machte.

Auch sein Einkommen war gering. Es reichte für ihn und seine erste Frau Magdalena Spirensis, die er 1523 geheiratet hatte, kaum zum Leben aus. Sein Jahresgehalt von 50 Gulden wurde vom Senat der Hochschule zwar im Jahr 1526 um 20 Gulden erhöht; gleichzeitig wurde ihm jedoch zur Bedingung gemacht, auch noch die Fächer Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie zu unterrichten. Dazu kam schließlich die Professur für die lateinische Sprache, was letztlich über die Kraft dieses Mannes hinausging.

So erklärte er 1527 dann auch dem akademischen Senat, daß er diese Arbeitslast unmöglich weiter bewältigen könne: "Meine Gesundheit ist auf unaussprchliche Weise geschwächt und mein Geist, ich weiß nicht wie es kommt, zur Betreibung der Studien wenig aufgelegt."

In Heidelberg traten ihm bald Haß und Argwohn entgegen, was nicht zuletzt auch auf seine Hinneigung zu Ökolampad zurückzuführen war, dessen Ansichten über die Abendmahlslehre er teilte.In einem Brief klagte er diesem: "Wegen meiner Ansicht vom Abendmahl bin ich bei den Unsrigen nicht mehr sicher; ich sehe niemanden, der mich aufnehmen wird."

Gerade in dieser für Grynaeus schwierigen Zeit traf in Heidelberg Jacob Meier, Bürgermeister und Gesandter der Stadt Basel, ein, der auf den Gelehrten aufmerksam wurde und bald beschloß, alles daran zu setzen, ihn an die durch die Reformation nahezu verwaiste Universität in Basel zu holen.


Grynaeus entgeht in letzter Minute der Verhaftung

Noch bevor der Basler Gesandte seine Vorstellungen in die Tat umsetzen konnte, begab sich Grynaeus nach Speyer, wo im Jahr 1529 der Reichstag stattfand. Er hatte nämlich erfahren, daß sein enger Freund Melanchthon auch dort sein werde, und diesen wollte er treffen. Beinahe wäre er hier jedoch in eine gefährliche Lage gekommen:

Eine Predigt des Bischofs von Wien, Johann Faber, fand nicht die Zustimmung des Grynaeus. Er erlaubte sich daher, den Bischof beim Heraustreten aus der Kirche anzusprechen und sein Bedauern darüber zum Ausdruck zu bringen, daß ein so gelehrter und angesehener Mann der Kirche öffentich Irrtümer bestätige, die mit dem Wort Gottes nicht in Einklang stünden. Über den weiter Verlauf lassen wir Melanchthon selbst berichten, der als Augenzeuge zugegen war:

"Faber unterbricht ihn, als er im Begriff war Mehreres hinzuzufügen und fragt ihn um den Namen. Er verstellt sich durchaus nicht, sondern gesteht, er heiße Grynaeus. Es war aber Faber, wie Viele wissen, schimpflich feige bei den Zusammenkünften der Gelehrten. Er stellt sich, als wenn er großes Verlangen hätte nach der Freundschaft des Grynaeus und einer längeren Unterredung. Und sowohl seiner Sache wegen, als wegen der Reichsangelegenheiten, bittet er ihn, er möge morgen zu ihm kommen, zeigt ihm seine Gastwohung und bestimmt ihm die Stunde. Grynaeus glaubt, es sei ihm Ernst und verspricht es ohne Schwierigkeit.

Nachdem er also Faber verlassen, kam er geraden Weges zu uns. Kaum hatte er sich zu Tisch gesetzt (denn es war schon Essenszeit) und einen Theil der Unterredung mir und anderen vorgesagt, als ich, ebenfalls bei Tisch sitzend, plötzlch aus dem Zimmer grufen werde. Hier redet mich, (ich weiß nicht wer er war und konnte es auch niemals erfahren) ein Greis an, der einen absonderlichen Ernst im Antlitz, in der Rede und Kleidung offenbarte, und erzählt, bald würden unserer Gastwohnung Schergen zugegen sein, auf Befehl des Königs gesandt, bei welchem Faber den Grynaeus verklagt hätte, um eben Grynaeus ins Gefängnis zu führen. Er heißt uns sogleich die Stadt zu verlassen und ermahnt uns nicht zu zögern. So, nachdem er gegrüßt, entfernt er sich wieder. Ich kehre zu meinen Gefährten zurück, heiße sie aufstehn und erzähle, was der Greis gemeldet. Hierauf nehmen wir den Grynaeus in unsere Mitte und führen ihn durch die öffentliche Straße dem Rheine zu, wo wir auf dem diesseitigen Ufer eine Weile stehen bleieben, bis Grynaeus mit seinem Begleiter in einem kleinen Kahn auf das jenseitige Ufer gelangt war. Nach diesem in unsere Herberge zurückgekehrt, erfahren wir, alsbald seien die Häscher dagewesen, als wir kaum von Hause weggegangen.

In welche Gefahr aber Grynaeus gerathen wäre, wenn er ins Gefängnis wäre geworfen worden, kann man aus Fabers Bosheit leicht abnehmen. Daher glaubten wir, daß jener hinterlistige Anschlag durch göttliche Hülfe sei vereitelt worden. Und wie ich nicht angeben kann, wer jener anzeigende Greis gewesen ist, so beilten sich die Häscher dermaßen, daß, wenn Grynaeus nicht von Engeln beschützt gewesen wäre, er nicht hätte entkommen können."


Der Gelehrte folgt dem Ruf nach Basel

In Basel war mittlerweile die Reformation zum Durchbruch gekommen. Die treibenden Kräfte waren Ökolampad und der bereits erwähnte Bürgermeister Jacob Meier. Dieser setzte nun alles daran, um jetzt endlich Grynaeus für seine Stadt zu gewinnen. Auch Ökolampad setzte sich in einem Brief mit Grynaeus in Verbindung, worin er ihn aufforderte, das Lehramt der griechischen Sprache an der Universtität zu übernehmen. Viele Gelehrte hatten die Stadt verlassen, unter ihnen war auch Erasmus von Rotterdam, dessen Abreise Grynaeus besonders schmerzte und dessen Stelle er jetzt einnehmen sollte.

Am 8. Mai 1529 beschloß der Rat der Stadt sodann seine Anstellung. Auch aus finanziellen Nöten wurde ihm geholfen: "Sein Gehalt sollte größer sein, als der jedes anden Docenten an der Universität und seine Schulden sollten im Gesammtbetrage von 50 Gulden auf der nächsten Herbstmesse zu Frankfurt bezahlt werden."

Nach Basel begleitete Simon Grynaeus auch sein inzwischen 17 Jahre alter Neffe Thomas, der ebenfalls in Veringendorf geboren wurde und den er schon während seiner Zeit in Heidelberg zu sich geholt hatte.

Während seiner Anfangszeit in der Schweiz fand Grynaeus ausreichend Gelegenheit, sich in private Studien zu vertiefen, da der Lehrbetrieb an der Universität noch nicht wieder aufgenommen worden war. Er befaßte sich auch auf Bitten des Erasmus, der jetzt in Freiburg weilte, mit lateinischen und griechischen Texten, widmete sich einer neuen Ausgabe des Aristoteles und bereitete die Herausgabe von fünf Büchern des Livius vor, die bis dahin noch vollkommen unbekannt waren.


Die Reise nach England

Die freie Zeit nutzte der Gelehrte auch zu einer wissenschaftlichen Reise nach England, die ihn nicht nur mit Thomas Mours, sondern auch mit König Heinrich VIII. in Verbindung brachte.

Erasmus stattete ihn mit Empfehlungsschreiben aus, die ihm die Schätze der dortigen Bibliotheken öffnen sollten. Aufnahme fand er bei keinem geringeren als bei dem schon erwähnten Lordkanzler Thomas Morus, der ihn nicht nur überallhin mitnahm, sondern sich auch mit seinen theologischen Gedanken auseinandersetzte. Dabei wußte dieser sehr wohl, daß seine Meinung über die Religion in vielen Punkten von der des Grynaeus abwich, was ihn aber nicht hinderte, ihn durch Rat und Tat zu unterstüztzen und seine wissenschaftlichen Forschungen zu fördern.

Bevor der Basler Professor seine Heimreise antreten konnte, wurde er noch in eine Sache verwickelt, die nicht nur in England, sondern in der ganzen christlichen Welt mit großen Interesse verfolgt wurde:

König Heinrich VIII., der damals bereits 18 Jahre lang mit der Witwe seines Bruders verheiratet war, wollte sich von dieser scheiden lassen, da er angeblich diese Verbindung für nicht rechtmäßig hielt. In Wirklichkeit hatte er jedoch seine Blicke einer sehr viel jüngeren Frau zugewandt. Er verstand es auch, die beginnende Reformation für seine politischen und persönlichen Zwecke auszunutzen und sich alsbald selbst als Oberhaupt der englischen Kirche hinzustellen.

Von zahlreichen Gelehrten und Universitäten ließ er sich Gutachten über die Ehescheidung vorlegen, die zumeist im Sinne des Königs ausfielen. Luther, Melanchthon und Bucer jedoch hatten sich gegen die Scheidung ausgespochen. Als Heinrich VIII. nun von der Anwesenheit des Grynaeus erfuhr, wollte er von diesem die Meinung der Schweizer Theologen hören. Grynaeus schickte ihm dann auch, als er wieder nach Basel zurückgekehrt war die Stellungnahmen von Ökolampad, Zwingli, Capito und anderen, die alle die Scheidung der Ehe befürworteten. Er selbst schloß sich dieser Meinung zunächst an, versuchte später jedoch, einen Kompromiß dahingehend einzugehen, daß er zwar die Ehe mit der Witwe des Bruders für rechtswidrig, diese aber trotzdem für unauflösbar erklärte.

Thomas Morus, der es in England selbst gewagt hatte, sich öffentlich gegen die Scheidung zu äußern, muste dies mit seinem Leben bezahlen.

Als schließlich im Sommer 1531 in Basel mit den Vorlesungen angefangen werden konnte, begann auch schon der blutige Religionskrieg zwischen den reformierten und den katholischen Kantonen der Schweiz. Zwingli fiel im Kampf und nur kurze Zeit später starb auch Ökolampad an einer Krankheit. Simon Grynaeus gehörte zu den zehn engsten Freunden, die bei seinem Tod zugegen waren.

Grynaeus wandte sich in dieser Zeit mehr und mehr der Theologie und der Reformation zu. Ihm wurde das Amt eines Professors der Theologie übertragen und als solcher gehörte er nun endgültig zum Kreis der eigentlichen Reformatoren.



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